…und lass die Toten ihre Toten begraben (Sci-Fi Roman) 02

2.
Sie waren verloren und sie wussten es.
Vier Männer in einem Raumschiff – der Ganymed – irgendwo zwischen den Sternen.
Sie benötigten einen halben Tag Erdzeit, bis sie die Checklisten durchgegangen waren, bis alle Systeme überprüft waren.
Alle Systeme liefen Einwandfrei, der Bordcomputer lief auf Optimalleistung; bis auf ein kleines Teil, ein Teil welches ihr Verderben war.
Die zentrale Borduhr.
Sie stand.
Es handelte sich um eine atombetriebene Quarzuhr – keine mechanischen Teile. Unabhängig von der restlichen Stromversorgung des Schiffes. Völlig autark. Völlig zuverlässig.
Doch sie stand.
Und mit dieser Uhr war vier Stunden nach dem Start für die Bord-KI die Zeit stehen geblieben.

Die Ganymed hielt Kurs auf Alpha-Centauri.
In diesem Raumsektor, nur eineinhalb Lichtjahre von der Erde entfernt, hatte man wie aus dem nichts eine hyperstarke Radioquelle entdeckt.
Die Signale lagen im Zentimeter-Wellen-Band und wiesen eine Frequenzmodulation auf, die in gewisser Weise an Morsezeichen erinnerte. Decheffrierspezialisten und Codeknacker auf der ganzen Welt vertraten die Ansicht, dass es sich eindeutig um eine Art von Nachrichtenübermittlung handle. Die von Professor Hawthorne aus Bosten geäußerte Meinung, es handle sich möglicherweise um Quasar-Echos, konnte durch eine Neuausrichtung des Hubbleteleskops nicht bestätigt werden.
Man beobachtete den Sender zwei Jahre lang.
Zwei Jahre in denen sich die führenden Industrienationen herumschlugen um einen für alle Beteiligten annehmbaren Modus zur Kostenverteilung zu finden. Schließlich kam es, doch einiger politischer und finanzieller Zankereien zum Trotz, zu einem Gemeinschaftsprojekt deren Ergebnis zwölf Jahre später die Ganymed sein sollte.
Ein Schiff mit zwei getrennten Antriebsystemen. Das erste, das sogenannte Lift-Off-System, orientierte sich an der russischen Wostock der 60er Jahre und bestand aus 5 Saturn IX Trägerraketen – ein Bündel herkömmlicher chemischer Festbrennstoffraketen die während des Eintritts in den Erdorbit abgeworfen werden würden.
Die zweite Stufe, das Photonentriebwerk, sollte dann im luftleeren Raum in Betrieb genommen werden und das Schiff auf seine lange Reise schicken.
Zwei Möglichkeiten waren erörtert worden. Billiger – und die Russen bestanden lange Zeit darauf, es so zu machen – wäre es gewesen , die Einzelteile der Ganymed mit herkömmlichen Trägerraketen ins All zu bringen und die Montage dort vorzunehmen. Schließlich setzten sich allerdings NASA und ESA durch, die es ablehnten unter diesen Umständen eine Garantie für die Betriebssicherheit des Schiffes zu übernehmen.
Das Photonentriebwerk, bisher nur auf dem Papier diskutiert, war ein technischer Leckerbissen. Im Gegensatz zu den ersten mobilen Atomreaktoren, die ja auf Flugzeugträgern und U-Booten eingesetzt wurden, war es diesmal ein Raumschiff, das mit dem ersten Reaktor der neuen Generation bestückt wurde.
DHF-Reaktor wurde er von Fachleuten genannt, die Abkürzung für Deuterium-Helium-Fusions-Reaktor.
Der Vorgang war der Gleiche wie in der Wasserstoffbombe – allerdings lief die Kernschmelze in diesem Fall kontrolliert ab
Das Triebwerk würde einen Schub von knapp Neunhundertfünfzig Megapond erzeugen, den es mit dem an Bord befindlichen Deuterium-Vorrat für beinahe 50 Jahre würde aufrechterhalten können.
In Anbetracht des Startgewichtes von knapp hundert Tonnen bedeutete dies eine Beschleunigung von rund 0,8 g.
Mit dieser Beschleunigung hätte die Ganymed nach siebenhundertzweiundzwanzig Tagen die halbe Entfernung nach Alpha Centauri zurückgelegt und eine Geschwindigkeit von zweihundertfünfzigtausen Kilometern pro Sekunde erreicht.
Zu diesem Zeitpunkt sollte die Bord-Ki das Schiff drehen, so dass für abermals siebenhundertzweiundzwanzig Tage das Schiff gebremst würde.
Nach Ablauf dieser Zeit sollte das Schiff die 4 Männer aus dem Kälteschlaf wecken, damit sie jene geheimnisvolle Radioquelle untersuchen und, so ungeheuer die Vorstellung auch war, ggf. in Kontakt treten konnten.
Das war ihre Aufgabe.

Vor mehr als elf Jahren hätte die Ganymed im vorausberechneten Raumkubus zum Stillstand kommen sollen, um ihre Sensoren zu aktivieren. Stattdessen raste das Raumschiff mit annähernd Lichtgeschwindigkeit durch das All, weil vier Stunden nach dem Start für die Bordelektronik die Zeit stehen geblieben war.
Alle Navigationsvorgänge an Bord liefen zeitgesteuert ab.
Für die Bord-KI befand sich die Ganymed noch irgendwo zwischen Erde und Mond. Deshalb hatte sie auch keinen Anlass gehabt, das Raumschiff zu drehen und das Bremsmanöver einzuleiten – oder gar die vier Menschen in ihrer Obhut aus ihrem eisigen Winterschlaf zu wecken.
Dies geschah erst, als der Nährmitteltank, aus dem sie ja so lange Zeit ernährt wurden, so weit geleert war, dass die Füllstandssensoren ansprachen.

3.
Sie waren vier Männer.
Ausgewählt aus vielen tausend Bewerbern.
Alle vier waren Amerikaner.
Es hatte einen Aufschrei gegeben. Ein medialer Shitstorm, den auch die wissenschaftlichen Erklärungen hinter dieser Entscheidung nicht vollends besänftigen konnten.
Frühere Flüge und Langzeitaufenthalte im Weltall hatten gezeigt, dass national gemischte Teams unter starker psychischer Belastung schneller zu Gruppenbildung neigten bevor sie schließlich zusammenbrachen.
Sie waren vier Männer.
Und jeder von ihnen musste – allein auf seine Art – damit fertig werden, daß er bald sterben würde.
Und sie waren Menschen.
Menschen wehrten sich gegen den Tod.
Weigerten sich zu sterben.
Jedenfalls einfach so, ohne eine Chance sich zu wehren; dem Schicksal die Stirn zu bieten.
Doch das Einzige was sie tun konnten war die Faust in der Tasche zu ballen.

Da war Floyd Carlson, der nicht nur so hieß, sondern auch so aussah. Enkel schwedischer Einwanderer. Er war der Kommandant dieses Fluges und für einen Moment ertappte ers sich dabei, wie er im Stillen den Tag verfluchte an dem er nicht das Fischerboot seines Vaters übernommen hatte, sondern Pilot bei der Air Force wurde.
Die kleine Narbe an der Augenbraue pochte, wie sie es immer tat, wenn er nervös war. Ein Andenken an Suarez, den verfluchten Puertoricaner, den er in der dritten Runde doch noch umhauen konnte, nachdem er selber nach Punkten schon längst nicht mehr hätte gewinnen können.
Für einen Moment gestattete er sich zu Lächeln. Erinnerungen waren alles was ihnen noch blieb. Er dachte an Seattle – war eine schöne Zeit, damals….
Wie sollte er die Männer bloß wieder nach Hause bringen? Es MUSSTE doch einen Ausweg geben.
Und für einen hoffnungsvollen, verrückten Augenblick kam ihm der Gedanke, allen überflüssigen Ballast über Bord zu werfen, jedes Gramm Gewicht, welches nicht dem Überleben diente, zu entsorgen.
Sinnlos.
Die Konstrukteure der Ganymed waren keine Idioten. Die waren schon auf dem Papier geizig gewesen.
Er überschlug kurz was wohl in dieser Extremsituation machbar wäre und kam zu dem Schluss, das mehr als ein halbes Prozent kaum drin wäre.
>>Vergiss es<<, murmelte er zu sich selbst und das Pochen in der Narbe verstärkte sich. Er durfte nicht aus der Fassung geraten. Nicht er. Und in den hintersten Windungen seines Gehirns formte sich der zaghafte Schemen eines Plans, der das Schiff eventuell doch wieder Heim bringen würde. Er rief den Navigations-Mathematiker zu sich. Dr. Peter Warner war Physiker und Mathematiker; mit 34 Jahren war er der jüngste an Bord der Ganymed. NASA-Angestellter seit seiner Promotion. Er war blass und seine Augen schienen noch tiefer in den Höhlen zu liegen als sonst. >>Irgendetwas Neues, Peter?<< >>Nichts. Dieser Teil des Weltraums stimmt mit keiner unserer Karten mehr überein. Ich meine ja nur, wir rasen mit knapp 98% der Lichtgeschwindigkeit durchs All…wir können überall sein. Ich habe keine Ahnung…<<, er verstummte als ihm ihre hoffnungslose Situation wieder mal nur zu bewusst wurde. Floyd spürte die Trockenheit in seiner Kehle, >>Aber wir können unseren Kurs zurückverfolgen und rechnerisch unsere Position bestimmen, oder?<< >>So Gott will. Der Computer hat alles aufgezeichnet, aber eines kann ich dir gleich sagen – die Rechnung beträgt dennoch einige Variablen die das Ganze nicht einfacher machen. Da kommen schnell einige hundert Lichttage zusammen…was das bedeutet brauche ich wohl nicht zu sagen…<< Das Pochen in Floyds Narbe wurde langsam zu einem Ziehen das seine ganze Stirn zu sprengen drohte. Er unterbrach Peter, >>Und der UV-Kegel?<< Der Blick der dunklen, eingesunkenen Augen verriet Unwillen. >>Den habe ich natürlich vermessen. Wie gesagt, wir sind mit knapp 98% C unterwegs…aber auch hier machen Messungenauigketen schnell ein paar hundert Lichttage oder gar Wochen aus. Oder in Zeit ausgedrückt: Wir sind seit vierzehn Jahren und zehneinhalb Monaten unterwegs, plus minus fünfzehn Tage.<< Floyd Carlson ging einige Male auf und ab, so gut es in dem beengtem Raum ging, der ihnen zur Verfügung stand. >>Verdammt. Ich hatte gehofft, deine Berechnungen gingen genauer. Inzwischen hab ich nehmlich die Deuteriumladung nachgemessen und kam auf eine Zeit von vierzehn Jahren und neun Monaten.<< Er wandte sich dem nächsten Schott zu, >>Komm, lass uns zu den anderen gehen. Ich fürchte du wirst zu tun bekommen…<< Damit spielte Floyd natürlich auf den Nebenberuf, oder wie Peter selbst immer sagte, die Berufung, seines Navigators an. Dr. Peter Warner war Laienprediger der Baptistengemeinde seines Heimatortes irgendwo in Kansas. Die Ganymed hatte einen zentralen Versammlungsraum von etwa drei mal zwei Metern – den Salon, wie sie ihn spöttisch nannten, aber er erfüllte seinen Zweck. Sie alle wussten das Platz und Gewicht das erste war, was bei der Konstruktion der Ganymed gestrichen wurde. Sie wurden bereits erwartet. An dem kleinen Tischchen saßen bereits Dr. Hopkins und Teko Redbear. Dr. Denis Hopkins, weißhaarig und zerzaust, war der einzige Zivilist an Bord und sah aus wie eine fast perfekte Kopie Albert Einsteins – doch sein Fachgebiet war nicht die Physik. Er lehrte an der Harvard Universität alte Sprachen und sein Spezialgebiet waren Phönikisch und Aramäisch. Während des zweiten Vietnam-Krieges war er Dechiffrier-Spezialist bei der Navy und hatte seitdem als freier Mitarbeiter immer wieder Aufträge für die Marine ausgeführt. Sein Anteil an der Mission zeichnete sich bisher durch ausgedehntes Nichtstun aus. Seine Fähigkeiten würden so lange nicht gebraucht, bis sie die unbekannte Signalquelle gefunden hätten. Und jetzt, so wusste er ziemlich genau, würde er nie wieder etwas zu tun bekommen. Es sei denn, man würde langsam sterben, als eine Art von TUN betrachten… Der vierte Mann an Bord schien zu schlafen. Teko Redbear oder auch Häuptling, wie ihn seine Kollegen gerne scherzhaft nannten, war Halbindianer, Sohn eines Navajo und einer Japanerin. Er schien von der ganzen Situation seltsam unberührt. Er lag mehr da, als das er saß, in einem der Sessel, die Füsse auf einem freien Platz zwischen den Instrumenten. Er hielt die Augen geschlossen, oder jedenfalls beinahe. Vor dem Start hatte es einen ziemlichen Aufruhr um seine Person gegeben. Nicht nur, dass nur Amerikaner an der Mission teilnahmen – keine Russen oder Europäer – nein, jetzt wurde auch noch eine Rothaut mitgeschickt. Doch die wenigsten wussten, dass es tatsächlich die Russen waren, die auf seiner Teilnahme bestanden. NASA als auch ESA wollten eigentlich einen Astro-Physiker an Bord haben. Teko hatte sich nur einen Augenblick damit aufgehalten die Russen deswegen zu verfluchen. Captain Redbear war Angehöriger der Special Forces, bevor er später zur CIA wechselte, um dort als Lehrer für Waffenkunde, Ballistik und Nahkampf tätig zu sein. Er war Inhaber des sechsen Dan und hatte sich noch im Alter von fünfundzwanzig Jahren dem Ken Do zugewandt, dem klassischen japanischen Schwertkampf. Mit fünfundzwanzig war er natürlich viel zu alt, aber die Bewegungsabläufe wiesen doch so große Ähnlichkeit mit den Karate-Katas auf, dass es ihm innerhalb von nur sieben Jahren gelang, auch hier den fünften Dan zu erwerben. Sie waren vier Männer. Ausgesucht und zusammengestellt nach ihren Fähigkeiten und speziellen Kenntnissen. Aufgebrochen in die Leere des Alls, um eine Aufgabe zu meistern, die schon längst Vergangenheit war… Vier Männer, die sich die Gehirne zermaterten, um einen Ausweg aus dieser schier unlösbaren Situation zu finden. Vier Männer die nicht den Hungertod sterben wollten. _____________________________________________________________________________________ Diese kleine Novelle habe ich als Teenie in den 90ern begonnen und im Laufe der Jahre immer wieder aufgegriffen. Meine Wortwahl war damals teilweise noch etwas unglücklich, aber das sind Dinge die ich einfach überarbeite während ich die Kapitel poste...und schon an dieser Stelle freue ich mich auf dem Punkt an dem ich tatsächlich die Geschichte kreativ weiterführe und dann hoffentlich zu einem würdigen Abschluss bringen kann. Stay tuned, kommentiert und teilt gerne 😀

Ähnliche Beiträge

Informativ
Verständlich
Lustig
Share on Facebook5Share on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0Print this page

Über uns Mila

Admina und Herrin dieser Seite,
34 jährige Hobbyfotografin…Möchtegernmodel…und ganz bewanderte Küchenfee. Meisterin des Wortes und allgemein recht pflegeleicht.

Ein Kommentar

  1. Helga Johanna Nissen

    Erinnert mich vom Erzählstiel ein wenig an die frühen Perry RhodanRomane! Mach mal weiter,mir gefällt das!

Kommentar verfassen