Vom ankommen, kommen und gehen

Hallo allerseits,

trotz meiner derzeit etwas desolaten Lage lasse ich mich nicht unterkriegen und nutze meine Zeit, um endlich diesen Artikel fertig zu schreiben.
Mir geht es da wohl wie den meisten Bloggern/innen; eine fast schon unüberschaubare Menge an Ideen und angefangenen Artikeln tummelt sich da in der virtuellen Schublade und irgendwann kommt der Tag, an dem man endlich auch einmal etwas zu ende bringen möchte.
…….
Ja….ich BIN die Königin der Doppeldeutigkeiten…

transition goal

Vom ankommen, kommen und gehen…

Drei Monate ist es jetzt her, dass ich das letzte Mal auf dem OP Tisch lag. Viel ist während des letzten Jahres passiert. Lange habe ich mich und meinen Körper…ja gehasst will ich nicht sagen, aber ich war sehr lange unglücklich mit dem, was mir die Natur gegeben hatte.
Die Transition ist ein ewig erscheinender Weg – mal mit mehr und mal mit weniger guten Tagen.
Bis man sich ein Herz fasst und den Schritt mit wirklich allen Konsequenzen geht, vergeht in der Regel viel Zeit. Sehr viel Zeit. Manchmal auch zu viel Zeit. Das Leben zieht dahin, während man überall um sich herum Frauen sieht, die ihr Leben einfach so geniessen…ja einfach Frau sein können – Frauen SIND.
Manch eine wartet ihr Leben lang, bis sie den Schritt wagt – ich habe immerhin noch in meinen Dreissigern angefangen, auch wenn ich mir sehr oft wünschte, ich hätte meinen Weg schon viel früher begonnen. Allerdings muss ich sagen, dass die Wehmütigkeit stark abgenommen hat.

Bin ich angekommen?

werde ich in letzter Zeit sehr häufig gefragt. Die Antwort ist nicht einfach; ich würde sagen nein, denn ich glaube nicht, dass ich als Transfrau wirklich jemals ganz ankommen werde, wie man das so schön sagt. „Ankommen“…ich glaube mit dem Begriff müsste ich mich wieder in irgend eine Schublade stecken, mich kategorisieren und mich schlussendlich einem Ideal unterwerfen…doch dieses werde ich niemals können.
Die Ansprüche sind immer im fluß, ändern sich täglich und mit jedem Lebensabschnitt aufs Neue. Nein, ich glaube nicht, dass ich jemals ankommen werde.
Aber ich bin zufriedener, ruhiger und mir meiner selbst wieder sehr viel sicherer, als noch vor einem Jahr. Ich habe es nicht mehr so eilig…

Natürlich habe ich jetzt leicht reden. Schließlich habe ich sowohl einen Brustaufbau als auch die große Geschlechtsangleichende Operation hinter mir – was gibt es da noch zu meistern? Eine ganze Menge kann ich euch sagen, aber ich bin wie gesagt sehr viel ruhiger geworden.
Seit der OP kann ich mich selber endlich wieder akzeptieren. Die große Diskrepanz ist weg.
Die GaOP ist in der Tat DIE Operation, die ein seelisches Leiden lindern kann.

Ich stelle mir nochmals die Frage „Bin ich angekommen?“. Nein – aber das Leben besteht nicht mehr aus Selbsthass, Zweifel und Verachtung dem eigenen Körper gegenüber. Meine Selbstwahrnehmung wird von Tag zu Tag gesünder. Natürlich gibt es vieles an mir was ich gerne anders hätte, aber ich habe längst nicht mehr den selbstzerstörerischen Drang in mir…
Ich denke ich sehe mich, bis auf ein Paar kleine Ausnahmen, inzwischen mit einer gesunden Portion weiblichen Selbsthasses – der ist natürlich etwas ganz anderes ^^
Ich bin zu kurz für mein Gewicht, habe leider etwas Bauch und auch angedeutete Reiterhosen kann ich nicht leugnen – aber wisst ihr was? Meine Röllchen verleihen mir Taille, ich habe schöne Arme bekommen und auch meine männlichen Waden sind ein schauriges Bild, welches ich allmählich vergessen kann. Ja, die weibliche Fettverteilung funktioniert! Ich kann wirklich zufrieden sein.

Selbst das undenkbare passiert heute öfter, als mir lieb ist: Ich gehe ungeschminkt vor die Tür: will ja nur eben zum Edeka…
Und wisst ihr noch was? Kein Schwein starrt mich an! IHHHH, ne Transe…guckt mal!
Ich gehe einfach in der Masse unter…und das gefällt mir. Klar habe auch ich meine Tage, an denen mir meine Kleiderwahl plus Körpergröße plus eventuell etwas zu dolles Make-Up nicht gerade ….naja, lassen wir es dabei bewenden ^^

Woran die Hormone freilich nichts geändert haben, sind meine Stimme und doch einige kleine faciale Eckpunkte, denen ich gerne irgendwann dann doch noch einmal zu Leibe rücken würde…aber das sind wie gesagt Punkte, die mich nicht mehr jeden Tag aus der Ruhe bringen.
Bis auf die Sache mit der Stimme – DAS belastet mich WIRKLICH und nach allem was ich bisher geschafft habe, ist das ein Punkt der mir wirklich Sorgen macht. Logopädie habe ich durch und ich weiß, das meine Stimme Potential hat, aber ich kann es nicht ausnutzen. Ich muss dringend zusehen, dass ich eine Lösung für dieses Problem finde, da es mir den Kontakt zu fremden Menschen unheimlich erschwert.
Ich rede einfach nicht mehr gerne, obwohl ich ein sehr geselliger Mensch bin…
Ja, das macht mich sehr traurig.

Ja, aber bist du nun angekommen?

Ich bin auf einem guten Weg. Sag ich´s mal so.
Ich nehme jetzt seit knapp 3 Jahren gegengeschlechtliche Hormone und kann jetzt sagen, dass diese kein Wundermittel sind, mich aber meinem Ziel ein mächtiges Stück weit näher gebracht haben. Ich fühle wie niemals zuvor und mein Körper ist weich und zart geworden (naja, im Rahmen…und weich ist jetzt irgendwie…es klingt falsch 😀 )

Aber der Körper ist nicht alles! Das weiß ich jetzt (wieder).
Wenn man sich auf die Reise begibt und die Transition beginnt, dann neigt man dazu alles andere zu vergessen und die, wenn ich ehrlich bin, wirklich wichtigen Dinge im Leben zu vernachlässigen.
Natürlich ist ein gesunder Egoismus nötig, um den Weg überhaupt zu beginnen, aber vieles bleibt dabei auf der Strecke – Familie, Freunde, Arbeit.
Das sind Baustellen denen ich mich jetzt wieder zuwenden kann. Es geht nicht mehr nur immer um MICH. Ich fühle mich wieder in der Lage für jemand anders da zu sein und nicht mehr immer nur die arme, bedauernswerte TS zu sein, der die Welt ja so übel mitspielt. Vieles hat man nämlich schlicht und ergreifend selbst zu verantworten. Das zu begreifen ist aber auch ein langer und steiniger Prozess, da man ja doch schon direkt auf Ablehnung gepolt ist und vieles persönlicher nimmt, als es wirklich gemeint ist.
Ich glaube im Leben anzukommen ist die wahre Herausforderung – sei es als TS, GAY, Queer oder Pianist im Pennerlook…

Wo wir gerade vom ankommen reden…wie sieht es eigentlich mit…du weisst schon aus?

Jaja….die Frage kriege ich ständig zu hören.
Ich bin zufrieden. Natürlich sind die Ansprüche der verschiednen Mädels so unterschiedlich wie es unterschiedliche CIS-Vaginas gibt, aber ich bin für meinen Teil zufrieden (bis auf eine kleine kosmetische Kleinigkeit). Funktional kann ich überhaupt nicht meckern, auch wenn ich noch nicht in die Verlegenheit gekommen bin Besuch in meinen heiligen Hallen zu empfangen und ich weiß auch nicht wie schnell das wohl passieren wird.
Natürlich wünsche ich es mir, aber ich will auch nicht einfach nur eine Nummer für einen neugierigen Perversen sein. Ich wünsche mir echte Gefühle und jemanden der sich für mein Herz interessiert.
Jaja….Kleinmädchenträume, die sich sowieso nie erfüllen werden. Mag sein, aber ich bin nun einmal hoffnungslos romantisch und träume von jemandem der mein Herz erobern will. Und werde dann doch jedesmal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, wenn ich nur den Mund aufmache. Aber so ist das wohl.

Der rein technische Aspekt wäre durchaus möglich und inzwischen habe ich durchaus die Freude an meinem Körper zurückgewonnen. Ich weiss was ich machen muss, um auf Touren zu kommen; es funktioniert zum Glück alles so wie es soll. Nur halt anders als vorher, aber das war ja auch beabsichtigt.
Nur die Zärtlichkeiten eines Partners fehlen mir. Ich BIN eine Frau und als solche möchte natürlich auch ich BEGEHRT werden. Das hat nichts mit sonstiger sozialer Einsamkeit oder so zu tun, das ist einfach der Wunsch nach Intimität. Ganz natürlich und eigentlich etwas was jeder Mensch haben sollte. Freunde sind das eine, aber ein Körper zum ankuscheln ist etwas ganz anderes. Sich geborgen fühlen…
Der Trieb ist längst nicht mehr so stark wie früher…heute wünsche ich mir Gefühle und Kuscheln. Ja, das ist weiblich und ich stehe dazu…mit allem was ich heute bin. Das soll nicht heissen, dass ich nicht meine Momente habe an denen ich einfach nur mal mal gerne umgeknickt werden möchte….aber ihr wisst was ich meine 🙂 und in den Momenten gibt es zum Glück ja auch die batteriebetriebenen Helferlein…

Wohin geht die Reise also noch?

Schwierig zu sagen. Ständig in Bewegung die Zukunft ist…
Ich hatte all die Jahre eine Familie und ich habe es nicht gesehen. Ich hatte alles kaputt gemacht was ich hatte. Und dennoch sind sie noch da. Ich wage einen Neuanfang mit meiner Familie. Ich habe endlich die Tochter die ich nie hatte, die dennoch schon immer meine Tochter war.
Ich kann ein Leben führen wie ich es mir eigentlich immer gewünscht habe. Mit Abstrichen. Aber ich freue mich darauf. Es ist so viel mehr als andere haben, mehr als ich gedacht habe je wieder zu haben.
Ich bin ein glücklicher Mensch.
Ich habe eine Familie die mich liebt und ein Kind das zu mir aufblickt. Bedingungslose Liebe in den Augen.
Das ist es, was mir dieser Tage wichtig ist.

Bin ich also angekommen?

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Über uns Mila

Admina und Herrin dieser Seite, 34 jährige Hobbyfotografin...Möchtegernmodel...und ganz bewanderte Küchenfee. Meisterin des Wortes und allgemein recht pflegeleicht.

3 Kommentare

  1. Hallo Mila,

    ganz ehrlich, ich find Dich und deinen Blog spitze 🙂. Du hast eine so herzerfrischende Art die Dinge beim Namen zu nennen, dass man sich auf jede einzelne Zeile freut.
    Es ist aber auch bei mir so wie Susan schreibt. Du schreibst auch mir quasi aus der Seele, wenn ich auch noch nicht annähernd soweit bin.
    Auch ich habe leider kostbare Lebenszeit verschenkt und es hat mich in den letzten Jahren immer mehr Kraft und auch fast das Leben gekostet, die Maskerade aufrecht zu erhalten.

    Doch damit ist endgültig Schluss und ich werde mich deinem Weg und den all der anderen Sisters anschließen.

    Um Susans Worte nochmal aufzugreifen, wir schaffen alles oder wie ich immer sage, wir werden das Ding schon rocken 😬 Egal welches Ding, schließlich sind wir Mädels 👩🏼

    Drück Dich megalieb meine Süße
    Deine Vio

  2. Hey Mila,
    dieser Blog … besser kann frau es nicht schreiben und ausdrücken…Du schreibst mir aus der Seele.
    Mach Dir über Deine Stimme keinen Kopf, „kommt“ 😋 alles zu seiner Zeit.
    Wir Mädels schaffen das..
    Ich drücke Dich Susan 😘

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