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Meine Transition, das Leben und der Rest

Triggerwarnung: Heute gebe ich unschönen Einblick in mein Gefühlsleben

Lesezeit ca: 4 Minuten

Hallo meine lieben Flauschies,
so ist das mit den Vorsätzen. Da wollte ich wieder regelmäßig schreiben und was passiert? Es ist September. Aber hey – der Abstand ist dieses Mal gar nicht so riesig. Hätte er aber sein können. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich diesen Beitrag jetzt wirklich schreiben will…aber muss wohl.
Immerhin habe ich den gestrigen Samstag abgewartet – und das, obwohl ich hochgradig emotional immer am besten schreibe. Meistens.

Ich war ja jetzt einige Monate, ja eigentlich fast 2 Jahre weg vom Fenster und habe quasi wenig bis gar nichts auf meinem Blog veröffentlicht. Und jetzt, da ich wieder einsteigen möchte, stellt sich mir die Frage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Sind Blogs heute eigentlich noch angesagt, oder gehöre ich als Fan des geschriebenen Wortes einer aussterbenden Spezies an? Ich habe mich mit meinem Blog mal als etwas Besonderes gesehen, doch jetzt hat jeder TikTok, YouTube oder streamt auf Twitch. Wer hat da in dieser schnelllebigen Zeit des Kurzkonsums noch Zeit für so etwas?

Aber genau genommen soll es in diesem Beitrag gar nicht um Euch gehen, sondern um mich. Und ich brauche heute meinen Blog als Ventil für mich.
Ein Ventil, mit dem ich viel aufgestaute Trauer und Frust rauslassen kann.

Die Dysphorie kickt….hart

Unter Dysphorie versteht man eine “Störung des emotionalen Erlebens”. Was sich hier so nach allem und nichts anhört, macht mir im Moment das Leben zur Hölle. “Störung des emotionalen Erlebens” wird der Sache nicht ansatzweise gerecht. Seit annähernd 8 Jahren versuche ich mich mit dem Thema Transgender in meinem Leben zu arrangieren.

Um einfach nur ICH sein zu können, habe ich meine Ehe geopfert, mit meinen Eltern gebrochen, Freunde verloren (die es aber auch nicht wert waren), eine sehr kostspielige Selbstständigkeit an die Wand gefahren und mit meiner Gesundheit russisches Roulette gespielt. Ich habe so viele Fehler begangen, um das einzig Richtige in meinem Leben zu tun. Und trotzdem ist es nicht genug. Es wird nie genug sein. Weil nur die wenigsten Menschen mein Herz sehen und ich selbst jeden Tag im Spiegel nur diese halbfertige Baustelle.

Ich hasse meinen Körper. Das ist die Dysphorie, die mich kaputt macht und daran ändert kein Brustaufbau und keine Geschlechtsangleichende Operation etwas, denn da ist noch so viel mehr – ja, so viel tiefer gehendes.

Niemand nimmt meine Sorgen ernst

Normalerweise bin ich jemand, der viel meckert und auch mal jammert – vor allem über Kleinigkeiten und Bullshit; immer in der Hoffnung, dass jemand kommt und mir den Bauch pinselt. Mit Aufmerksamkeit schenkt. Ich begebe mich gerne in eine Opferrolle und lasse manchmal auch den kleinen Narzissten in mir raus. Das WEISS ich. Das ist eine emotionale Abwehrhaltung, damit ich nicht über MICH nachdenken muss. Und weil ich Einsam bin

Aber ich rede nicht mehr. Ich bin an einem Punkt, an dem ich nicht mehr die Kraft habe, um mich über Kleinigkeiten zu beschweren, wenn mir doch die Last meiner ganzen Existenz auf den Schultern lastet. Ich weiß, dass jeder sein Paket zu tragen hat und ich weiß Gott nichts Besonderes bin, oder eine Sonderbehandlung verdient hätte. Deshalb rede ich nicht mehr. Andere Menschen wissen nicht mehr, wie sie Einkaufen und Strom bezahlen sollen. Deshalb rede ich nicht mehr. Ich soll froh sein, dass ich ein Dach über dem Kopf und Arbeit habe. Deshalb rede ich nicht mehr. Du hast doch deine OPs gehabt. Deshalb rede ich nicht mehr.

Was die Menschen, die mir am nächsten sind, nicht sehen

Ich reiße mir den Arsch auf, um aus den Karten, die mir das Schicksal zugeteilt hat, das Beste zu machen und meistens gelingt mir das ganz gut, aber es gibt Tage, da ist mein Leben einfach nicht…..schön.

Ich sehe meine Freunde an. Alle führen Sie ihr Leben. Manche mit Höhen und manche mit Tiefen. Die einen sind derzeit allein, doch viele (un)glücklich vergeben. Doch das ist kein Problem für die Generation Tinder und OkCupid. Da müssen sich nur zwei Menschen über den Weg laufen und es funkt aus heiterem Himmel. Das ist der normale Gang der Dinge. Da passieren OneNight Stands oder Pärchen finden sich für die Zukunft und gründen eine Familie, ziehen zusammen und meistern das Leben fortan gemeinsam.

Ich stehe außerhalb des Lebens – ein asexuelles Kuriosum. Von Freunden geliebt, von der Welt mit Desinteresse gestraft. Am Telefon jedes verfickte Mal mit Herr angesprochen, habe ich schon vor Jahren mein Telefon auf Stumm geschaltet. Von Kollegen, die das erste Mal zu mir wollen, mit großen Augen angestarrt, ob sie am richtigen Ort sind…

Letztens bin ich durch den Schanzenpark gegangen, da saß dieses Mädel im Gras, hatte Kopfhörer auf und hat einfach so ihren Song mitgesungen. Nicht wirklich gut, aber sie hat einfach ihren Gefühlen Raum gegeben – ich hasse es den Mund aufzumachen, da man mich dann doch nur abschätzig anguckt.

Und um nochmal auf die OneNightStands zurückzukommen – ich bin nicht prüde und bin immer für spontane Abenteuer “offen” gewesen…höhö…”offen”…aber auch das ist ein Problem. Zumindest wenn es SPONTAN sein soll. WENN es sich denn mal anbahnen würde. Aber auch das bedarf immer etwas…ja…Vorarbeit.

Ich bin immer immer besonders. Nie einfach nur Mila. Ohne meine Freunde und die Familie könnte ich das nicht ertragen und es wird jeden Tag schwieriger. Die Vorstellung, was aus mir hätte werden können, wenn ich nur die richtigen Chromosomen abbekommen hätte, frisst mich auf.
So höre ich aber jeden Tag meine Männerstimme, bin 182 groß, habe eine Schuhgröße 43 und derzeit knapp 30kg zu viel auf den Rippen.
Meine Freundinnen flirten jeden Tag irgendwo rum – ich bin defekte Ausschussware. Da hilft auch das liebste Zureden, wie lieb und nett ich bin, nichts. Ich will mich doch auch einfach nur an eine Schulter anlehnen und das Leben nicht allein stemmen müssen.
Ich ertrage nicht mehr, dass man beim ersten Blick in mein Gesicht, den Mann sieht….. Immer sagen mir alle, was für ein Glück ich doch hätte und wie gut ich das mit meinen Zügen getroffen hätte. Ich sehe nur was fast sein könnte. Wie hübsch ich sein könnte. In manchen Momenten. Bei Kerzenschein. Oder wenn der Schatten ganz besonders auf mein Gesicht fällt. Und dann holt mich die Realität wieder ein.

Ich bin nicht undankbar

Ich bin nicht undankbar und freue mich über alles, was ich erreicht habe, aber es ist wie es ist. Ich lebe mit den Gegebenheiten und beisse mich allein durch alles durch. Ich bestreite mein Leben allein, zahle meine Wohnung allein und habe keine Chance irgendwas in Richtung FFS (Facial Feminisation Surgery) zu machen. Ein Besuch bei beispielsweise Yeson fällt ebenso aus. Nicht nur, dass ich mir eine Reise nach Süd-Korea gar nicht erst leisten kann, aber die 2 Monate ärztlich angeordnetes Schweigegelübde im Anschluss, währen mit meiner Arbeit nicht ansatzweise vereinbar…
So bleibt mir nur, weiter zu leiden und jeden Tag mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit zu gehen und meinen Job zu machen. Eat, sleep, repeat….

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Freya

    Sorry, lese diesen Beitrag erst, NACHDEM ich dir meine Mail geschrieben habe… Fühl sich jetzt noch mehr falsch an, dich mit meinem Quatsch vollzusülzen.

    Aber mal zum Beitrag selber: liest sich irgendwie wie meine eigene Biografie. Vor allem bei “Kuriosum” kann ich, so glaube ich, sehr gut nachvollziehen, was du damit meinst. Dieses Wort scheint auch mir auf die Stirn gebrandmarkt zu sein.
    Ich habe leider keinen Rat und will auch keine Schweinchen-Schlau-Floskeln raushauen.
    Aber vielleicht magst du dich ja mit jemandem, der ähnlich fühlt, austauschen. Vielleicht bringt es uns beiden ja etwas.

    Ich lasse dir eine dicke Portion liebe da ❤️❤️❤️
    Und einen Panda, denn die sind knuffig 🐼
    Freya

  2. Tja, liebe Mila,
    vielleicht glaubst du mir ja, dass ich im Großen und Ganzen recht gut verstehen kann, was du meinst. Vielleicht solltest du versuchen, deinen Focus mehr auf das zu legen, was du hast und weniger auf das, was du nicht hast. Das mache ich auch.
    Ich bin ein Stück weit in vergleichbarer Situation wie du, aber ich kann nicht behaupten, dass ich unter dieser Dysphorie leider. Zum Glück, denn zu all den von dir beschriebenen düsteren Fakten (Männerstimme, asexuelles Kuriosum etc) trifft ja auch auf mich zu. ABer ich habe zudem auch die Sorgen meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weil ich mit Aufkommen der Pandemie meinen Job verlor, habe gar keine Freunde und der letzte Rest meiner Familie hat sich nun ebenfalls von mir abgewandt. Dazu gehe ich nun stramm auf die 60 zu. Aber was soll ich machen? Ich mach das beste draus. Ich habe meinen YT-Kanal und versuche ihn zu entwickeln.
    Ich finde es auch schade, dass ich wohl offenbar auch zu den ehem. Freunden von dir gehöre, die du verloren hast, weil sie es nicht wert waren. Es ist wie es ist.
    Wenn du willst, melde dich, dann kann ich dir auch Dinge sagen, die ich hier nicht schreiben will.

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