GenderIdentity (1)

Transsexueller Lebenslauf

Transsexueller Lebenslauf
Rev. 2/2020

Irgendwann wird einem klar, dass man anders ist, als die anderen Kinder in unserem Alter – ja, da beginnt man zurückzublicken und sein bisheriges Leben neu zu bewerten. Nicht unbedingt sofort. Nicht unbedingt von allein.
Wenn der Druck so groß wird, etwas an seinem Leben zu ändern, dann ist der Weg zu psychologischer Hilfe nicht mehr weit. Auf jeden Fall kann ich aus eigener Erfahrung nur dazu raten. Es hilft. Und ist für die medizinische Folgeversorgung aber auch nötig. Und das ist meiner bescheidenen Meinung nach auch gut so – wobei ich nicht von der Begutachtungspolitik bezüglich der Namensänderung rede.

Im Rahmen der Psychotherapie wird einiges aus der eigenen Vergangenheit aufgearbeitet und dabei kann es helfen, sich die Zeit zu nehmen und das eine oder andere niederzuschreiben. Wann hat man gemerkt, dass man anders ist? Wie war die Kindheit oder die Jugend? Wie habe ich mich in der Schule gefühlt? Hatte ich Freunde? Solche Dinge.

Ob ich jetzt rosa oder blau bevorzuge ist dabei völlig zweitrangig. Fand ich He-Man oder She-Ra besser, gibt da schon eher Einblicke in die kindliche Entwicklung, aber haltet euch nicht an Sterotypen auf. Seid ehrlich zu euch selbst – das GEFÜHL in eurer Brust ist das Einzige was zählt. Wie FÜHLT ihr euch? Mann/Frau – Junge/Mädchen – oder doch irgendwas  dazwischen?

Das Ganze zu Papier zu bringen, kann heilende Wirkung haben und einem einfach helfen sich seiner selbst sicherer zu werden; zu verstehen wie man an diesen Punkt im Leben gelangt ist – WIE es weitergehe soll. 
Es ist immer anstrengend sich mit sich selber zu beschäftigen – die Arbeit an einem Selber ist die schwierigste. Aber meiner Meinung nach auch die lohnendste. Es geht schließlich um das eigene Leben. Wenn das nichts Wert ist…?

Zugegeben…es kann verdammt schwer sein, das so zu sehen. Auch ich muss mir jeden Tag aufs neue vor Augen halten welche positiven Dinge ich in meinem Leben habe und da habe ich es im Vergleich wahrscheinlich wirklich noch gut getroffen. Auf jeden Fall ist es so, dass man als Transgender früher oder später einen Transsexuellen Lebenslauf schreiben MUSS. Die Krankenkassen bestehen darauf – jemand muss die Notlage ja attestieren.

Auf jeden Fall haben wir alle unser Päckchen zu tragen und ich fange einfach mal an, indem ich hier meinen Lebenslauf einfüge. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder.

Falls jemand seinen Transsexuellen Lebenslauf teilen möchte, so füge ich ihn gerne anonymisiert hier mit ein.

Transsexueller Lebenslauf (Januar 2014):

Ich bin jetzt 33 Jahre alt und würde sagen, dass ich rückblickend betrachtet, etwa mit 6-7 Jahren das erste Mal gemerkt habe, dass mich etwas „beschäftigt“. Selbstverständlich konnte ich meine Verwirrung und Gefühle damals noch nicht in Worte fassen, aber das muss etwa zu der Zeit gewesen sein.

Ich war immer ein sehr stilles und introvertiertes Kind, denn über Gefühle wurde und wird in meiner Familie nicht gesprochen. Für meinen Vater gibt es immer nur erfolgs- und leistungsorientiertes Handeln. Da gibt es keinen Platz für Gefühle.

Gegenüber anderen Kindern war ich immer verschlossen; mit den Jungs wollte ich nie raufen und toben, was mich automatisch zur Zielscheibe für mobbing machte und dadurch aber ebenso uninteressant für die Mädchen. Freunde fand ich immer nur in den anderen Außenseitern der Klasse – aber frei entwickeln konnte ich mich so nicht. Wie gesagt, war ich sehr kontaktscheu und es wurde nicht gerade besser dadurch, dass wir von 1985 bis 1990 vier mal umgezogen sind.

Aber das ist nur eine Randerscheinung meines frühkindlichen Wesens – die Symptome meiner Transsexualität begleiten mich schon mein ganzes Leben, auch wenn ich den Zusammenhang bis ins Erwachsenenalter nicht wirklich herstellen konnte. So hatte ich als Kind häufig den Traum, dass wir ein verlorenes Schwesterchen „abholen“ würden bzw. dass ich auf einem Kindergeburtstag wäre, zu dem nur Mädchen eingeladen sind und mich alle mit einem Kissen jagen, um mich zu „verwandeln“. Diese Träume hab ich so oft gehabt, dass ich nicht mehr mitzählen kann.

Im Laufe der Pubertät wurden die Träume erst einmal bedeutend weniger und durch die Krebserkrankung und folgenden Tod meiner Mutter wanderte mein sowieso nie besonders positives Gemüt in den tiefsten Keller (es folgte eine Zeit der verbockten Schule, durchzechter Nächte und all dem was man von einem Badboy erwartet). Fazit: Es ging mir so richtig bescheiden und ich tat alles bzw. nichts dafür.
Auch hier bekam ich zu Hause nur Vorhaltungen über Leistung, Leistung, Leistung…aber warum ich mich benahm, wie ich es tat…das kam nie zur Sprache.

Ich bin ein ausgesprochen emotionaler Mensch, wurde aber für meine Gefühle immer klein gemacht und hatte bis ins Erwachsenenalter keine Chance mich emotional zu entwickeln. Und genau da liegt ein weiteres Problem – mein Vater war immer die bestimmende und zentrale Gottfigur in meinem Leben. Was er sagt „muss“ richtig sein…alles andere falsch. Ich habe mich bedingungslos führen lassen.

Schon als Kind fand ich „Mädchensachen“ viel schöner – ja, ich mochte rosa, Kleider und Schminke…und als ich es wagte mit neun oder zehn Jahren zu fragen, ob ich Ohrlöcher haben könnte, da gab es ein Donnerwetter ohne Gleichen. Ich habe mir überhaupt nichts dabei gedacht.

Nein…in meinem Leben Dinge zu tun, die mein Vater ablehnen würde, daran war nicht zu denken. So begrub ich meine eigentliche Persönlichkeit und versuchte nur noch meiner Umwelt gerecht zu werden und alle an mich gestellten Erwartungen zu erfüllen.

Ich hatte zwar das Gymnasium vergeigt, aber zumindest noch meine mittlere Reife geschafft. Auf „Wunsch“ meines Vaters habe ich ein Handwerk gelernt, habe meinen Wehrdienst absolviert, geheiratet und mich selbstständig gemacht. Nur eines hatte ich nie wirklich geschafft: glücklich und zufrieden mit MIR zu sein.

Meine Ehe hatte ich mit den besten Absichten begonnen, aber ich konnte einfach nicht der „Mann“ den meine Frau brauchte und unwissentlich hat sie auch zu meiner schlussendlichen „Frauwerdung“ beigetragen, da sie mir beigebracht hat, endlich Gefühle zu leben und zu zeigen.

In diesem geschützten Rahmen fing ich immer mehr an meine weibliche Seite zu leben – zuerst verborgen, dann als „Crossdresser“ auch mal draussen.
Nachdem die Jahre dahin zogen, merkte ich immer mehr, dass ich mich als Mann „verkleidet“ fühlte und nicht, wenn ich mich als Frau zurechtgemacht hatte. Dieses Gefühl ging soweit, dass ich mich nach einem „Frauenabend“ die nächsten Tage richtig schlecht fühlte und ich dadurch in meine erste depressive Phase gestürzt bin.

Da ich nicht mehr weiter wusste, habe ich mich schlussendlich meiner Frau in einem Brief offenbart – was Ihrerseits natürlich auf Unverständnis stiess. Wir haben versucht das Beste aus der Situation zu machen, aber nachdem ich mich dann im Dezember 2013 entschieden hatte mein Leben zukünftig als Frau zu führen, da war es aus.

So schwer es mir viel, meine Ehe aufzugeben so viel Angst hatte ich vor der Reaktion meiner Kundschaft – aber ein Rückzieher kam nicht in Frage!
Jetzt lebe ich seit ziemlich genau einem Jahr mein Leben so wie es eigentlich schon immer hätte sein sollen – Umkehr ausgeschlossen.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Melurielle Lania Kea

    Vielen Dank für das teilen deiner Geschichte! Ich kann definitiv Paralellen erkennen. <3

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